Gekaufte Wertungen – Der Feind sitzt Inhouse

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JETZT Geld verdienen im Internet – Meine Erfahrung!


Die letzten Wochen war das Thema rund um gekaufte Wertungen ja mal wieder in aller Munde. Befeuert wurde dies natürlich besonders stark durch das Video von David Hain, in dem er darüber berichtet hat, dass bei einem seiner alten Arbeitgeber die Wertung verkauft wurde.

Natürlich fühlten sich viele Zocker gleich wieder bestätigt in ihrem Gefühl, dass die bösen Publisher jede Menge Geld in die Hand genommen haben, um sich die Meinung der Redakteure zu kaufen. Allerdings, und das kann ich aus eigener Erfahrung berichten, sind es nicht die Publisher die auf die Redakteure zugehen bzw. Druck ausüben…

 

Meine eigene Erfahrung mit gekaufter Wertung
Nur noch einmal zur Erinnerung, ich bin inzwischen 45 Jahre alt und somit als klassischer Videospieljournalist zu alt. Ich gebe mich auch nicht mehr der Illusion hin, irgendwo in diesem Segment noch einmal als Angestellter arbeiten zu können, dafür hat sich das Berufsbild zu sehr geändert und zudem sind inzwischen viele talentiertere Kollegen unterwegs, bei denen ich in Punkto Kameraverhalten und Eigenpräsentation einfach nicht mehr mithalten kann.

Von daher habe ich mir gedacht, kann man ja ruhig berichten, wie es damals bei mir zuging. Keine Angst, auch ich will nicht verklagt werden und verzichte von daher auf die direkte Nennung des Arbeitgebers. Ich weiß aber aus Diskussionen mit vielen anderen Kollegen, das mein Erlebnis definitiv nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel ist.

Doch dazu später mehr…

Wenn man nun also nicht mehr der jüngste Redakteur auf Erden ist, dann ist man natürlich umso dankbarer, wenn man nach einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit wieder durchstarten kann. Auch mir erging es so. Ich war wieder voller Tatendran, hatte eine Vielzahl an guten Ideen und brannte darauf, diese endlich umzusetzen. Aber wie so oft merkte ich recht schnell, wer umtriebig ist, andere evtl. aus dem bequemen 08/15-Alltag reißt und hier und da neue Ideen anbringt, der hat es nicht leicht. Im Gegenteil, so jemand eckt an und so wurden mir schnell die Flügel gestutzt.

Das alleine wäre nicht schlimm, sowas erleben viele Leute im Berufsleben und mutieren dann eben selbst einfach nur noch zum sturen Befehlsempfänger, der eben lediglich noch das tut, für das er bezahlt wird.

Doch sehr schnell musste ich lernen, wie in meinem neuen Job der Hase wirklich läuft.

So wurde ich von Seiten der Geschäftsführung dazu verdonnert, jedes Spiel, welches ich unter 80% bewerten würde, erst einmal dem Chef persönlich vorzulegen. Erst wenn dieser mir den Segen gab, durfte ein solcher Bericht auf der Seite veröffentlicht werden.

Gut, so lange man es vernünftig begründen konnte, war dies eher ein nerviger Aspekt und noch keine sonderlich große Einflussnahme. Allerdings ist ein Arbeiten mit dieser Schere im Kopf nicht sonderlich angenehm, denn mir war klar, wenn ich viele Spiele unterhalb der 80% testen würde, käme es sicherlich auch bald zu einem Gespräch, wo man dann letztendlich selbst in Frage gestellt werden würde.

Dann allerdings kam es zu einer Situation, die sich bei mir bis heute eingebrannt hat. Kurz vor meinem Feierabend kam der Chef auf mich zu und ließ mich wissen, dass er bis morgen früh einen Test zu einem gewissen Spiel braucht. Testmuster wäre zwar nicht vorhanden, aber ich könne mir ja Videos im Netz anschauen, die offizielle Seite des Herstellers besuchen und eben bei evtl. schon vorhandenen Reviews der Kollegen schauen.

Der Test selbst hat ZWINGEND eine Wertung oberhalb von 80% zu bekommen… PUNKT.

Ich war natürlich ziemlich geschockt und habe gesagt, dass ich so etwas nicht machen würde.

Meine Wenigkeit wurde dann mit der Aussage in den Feierabend geschickt, dass man sich in dem Fall eben von mir trennen müsste und ich könne es mir ja zu Hause überlegen.

Tja, und mit diesen Eindrücken fuhr dann ein verunsicherter Arnd in den Feierabend und wusste nicht so recht, was er davon halten soll.

Und auch wenn mich jetzt wahrscheinlich viele Kollegen geißeln oder brandmarken werden, ich habe diesen Test geschrieben, dem Spiel 82% gegeben, weil ich nach langer Arbeitslosigkeit und einer ziemlich erdrückenden Finanzsituation einfach nicht anders wusste mir zu helfen.

Lediglich eine Sache konnte ich mir nach harter Verhandlung (und einem ab diesem Zeitpunkt mehr als miesen Ruf beim Vorgesetzten – da ich ja Widerworte gab!) erkämpfen. Ich konnte diesen Artikel unter einem Pseudonym veröffentlichen, so dass ich zumindest für mich selbst sagen kann, jeder Artikel im Netz, der mit meinem eigenen Namen versehen wurde, der spiegelt auch meine eigene echte Meinung wieder.

Kurios ist lediglich, dass der ausgedachte Redakteur selbst heute noch als Team-Mitglied auf der Seite geführt wird.

 

Nicht die Publisher waren die Bösen
Und um es mal ganz deutlich zu sagen, nicht die Publisher waren in diesem Fall die Bösen, die sich mit einer erkauften Wertung eine bessere Platzierung sichern wollten. Einzig und alleine die Gier der Seitenbetreiber bzw. derer, die die entsprechende Werbung an Land gezogen haben, waren hierfür verantwortlich.

Ist ja auch klar, wer in Verhandlungen für einen Werbedeal steht und z.B. einen eher schlechten Titel in der Vergangenheit gut bewertet hat, der hat sich natürlich auch eine gute Verhandlungsposition für gerade anstehende oder zukünftige Werbedeals gesichert.

Natürlich gibt es PR-Manager, die einem mal nach einer schlechten Wertung auf dem Pott setzen, aber hey… das ist normal, das ist deren Job. Auf diese Art und Weise versucht niemand eine Wertung zu ändern. Vielmehr versucht der PR-Manager (wenn er gut ist), den entsprechenden Chefredakteur oder auch direkt den Redakteur so zu beeinflussen, dass dieser evtl. unbewusst beim nächsten Spiel dieser Firma eine etwas bessere Wertung zückt, weil er sich noch gut an das Donnerwetter vom letzten Mal erinnern kann!

Diese Art der Manipulation ist vollkommen legitim und wir alle sind ihr ausgesetzt. Es zeichnet einen guten Chefredakteur bzw. Redakteur aus, wie stark er sich davon beeinflussen lässt.

Und wenn man sich immer ein wenig in die andere Seite hineinversetzen kann, dann gibt es selten Probleme. Ich kann mich rückblickend an keinen einzigen PR-Mann oder –Frau erinnern, mit dem/der man wirklich lange böse war.

 

Wem kann man denn in Zukunft noch trauen?
Als Kunde fühlt man sich in so einer Situation natürlich hilflos. Woher soll man bitte wissen, welchen Portalen oder Zeitschriften man wirklich noch glauben kann in Zukunft? Nun, zumindest aus meiner ganz persönlichen Sicht kann ich sagen, je größer ein Verlag oder eine Seite ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dort zu Mauscheleien gekommen ist. Kurioserweise wird es aber gerade diesen in Foren oder auf Facebook unterstellt und von dieser Denke sollten viele Zocker mal schnell runterkommen. Gleiches gilt für richtig große YouTuber, dort hat es keiner nötig für ein paar lächerliche Kröten die eigene Glaubwürdigkeit zu verschachern.

Aber eben alle diese Portale, die irgendwo im Niemandsland der Mittelmäßigkeit zu finden sind, die nur von Zeit zu Zeit mal auf irgendeiner Verpackung mit einem Award auftauchen oder in Werbeanzeigen zitiert werden, die aber so gut wie nie als echte Anlaufstelle für Informationen aus erster Hand stehen, die sind gefährdet!

Zudem ist es auch oftmals so, dass in solchen Unternehmen ein ungeschriebenes Gesetz gilt. Der Redakteur wird eher als lästiges Beiwerk empfunden, der dem Chef nur auf der Tasche liegt und Geld kostet. Während hingegen der Marketing- bzw. Werbefuzzi (oder wie auch immer man diese Leute inzwischen mit englischen Begriffen tituliert) quasi auf einen imaginären Thron gepackt wird und am besten müssen diesem alle huldigen, wenn mal wieder ein großer Deal an Land gezogen wurde.

Dass dieser den Deal aber auch nur bekommen konnte, weil die Besucher eben auch gerne auf der Seite etwas gescheites lesen, wird natürlich gerne vergessen…

 

Fazit
Damit wir uns am Ende aber nicht falsch verstehen. Nicht alle Magazine da draußen sind bestechlich und selbst die, die es mal waren, sind es vielleicht jetzt nicht mehr!

Sehr viel hängt an den verantwortlichen Personen, die in entsprechenden Positionen einen solchen Schaden anrichten können. Davor ist niemand gefeit. Auch solche Magazine nicht, die vielleicht jetzt noch mit aller Inbrunst von sich behaupten, dass so etwas bei ihnen nicht vorgekommen ist.

In erster Linie sind dies einfach gänzlich unmoralische Leute, die den Profit über alles stellen und auch nicht davor Halt machen, ihre Untergebenen entsprechend unter Druck zu setzen. Sie selbst können mit entsprechend hoch abgeschlossenen Werbedeals entweder selbst bei der Geschäftsleitung punkten oder sind im schlimmsten Fall sogar selbst die Geschäftsleitung.

Und obwohl es diese Art der erkauften Wertungen eben gibt, sollten wir der ganzen Thematik in Zukunft etwas entspannter entgegen blicken. Das Geschrei einer übersensiblen Community werden wir so oder so nicht abstellen. Gerade z.B. bei Titeln wie Call of Duty oder Battlefield. Und gerade dies sind solch mächtige Marken… wer da ernsthaft glaubt, hier würde für eine gute eigene oder eine schlechte Wertung der Konkurrenz bezahlt werden, der ist einfach nur naiv.

Die Reihen bieten einfach nur ungemein viel Streitpotential… das ist alles.

Jetzt und in Zukunft wird wohl nur bei den Titeln gemauschelt, die sich im gefühlten 70-80er Bereich befinden.

Tja, es ist wohl egal wo man schaut… in jedem Berufsfeld ist wohl immer ein wenig ADAC zu finden!

 

Arnd Rüger wurde 1968 geboren und darf sich daher ganz offiziell als ein richtig alter Sack bezeichnen, der sich inzwischen schon mehr als einmal gedacht hat, dass er doch eigentlich viel zu alt für diesen Scheiß ist. Neben seiner Leidenschaft für Computer- und Videospiele ist er auch noch begeisterter Film- und Serienfan. Kaum zu glauben, von Zeit zu Zeit schwingt er sogar seinen fetten Hintern aufs Rad oder schnappt sich seine Kamera um ein paar schöne Fotoaufnahmen zu machen.

7 Comments

  1. Dominik Pult

    19. März 2014 at 14:48

    Da muss ich dir vollkommen zustimmen.
    Ich kann da auch nur aus eigener Erfahrung sprechen was die Publisher angeht.
    Mir ist bis jetzt noch keiner untergekommen der bessere Wertungen für eines seiner Produkte wollte. Im Gegenteil, ich bin auf Publisher oder Hersteller getroffen die eine Ehrliche Wertung wollen damit sie ihr Produkt verbessern können. Sie verlassen sich auch auf solche Tests und wollen keine falschen Wertungen nur damit man ihnen vielleicht gefällt oder einen Gefallen tut. Den Gefallen tut man ihnen mit einer richtigen Wertung, da wie schon gesagt eine bzw. mehrere Verbesserungen vorgenommen werden können.
    So das wäre meine Sicht der Dinge.

  2. Arnd Rüger

    19. März 2014 at 14:59

    Viele Publisher oder Entwickler fragen ja auch im Vorfeld, also z.B. bei einer spielbaren Preview, welche Wertung man wohl so ca. geben würde. Eine direkte Bestechung gab es von deren Seite nie. Wenn man jetzt mal davon absieht, dass hier und da auf Events gefrotzelt wurde ;-). Also z.B. solche spaßigen Aussagen: „Der Arnd bekommt heute nix vom Buffet, der hat uns nur eine 78 gegeben und ist eh zu dick!“ ;-).

    Aber das gehört ja dazu und da entgegnet man dann entsprechend flappsig.

    Fast alle Mauscheleien, auch die die mir so von anderen zugetragen wurden, finden intern statt. Aber das kann natürlich auch keiner zugeben, der noch mitten im Arbeitsverhältnis steht. Und in der heutigen Zeit kann man nicht wirklich von Familienvätern etc. verlangen, dass die ihren Job dann bitte sausen lassen müssen, um ehrvoll für eine Wertung einzustehen.

    Das sind meistens die Leute, die noch zu Hause bei Papi und Mami wohnen und von der Realität nicht wirklich viel mitbekommen haben.

  3. Dominik Pult

    19. März 2014 at 15:18

    Ja das ist klar. Ich finde das eine Sauerei was manche Arbeitgeber von ihren Arbeitern verlangen. Aber gut das ist leider in jeder Branche mittlerweile so.

  4. Pingback: Wertungen gekauft? So ein Unsinn!? | Polygamia

  5. Luca

    30. März 2014 at 13:50

    Könnte es sein, dass du bei den Amigos warst?

    Die haben ja jetzt auch das gulli:board (www.gulli.com) in den Dreck gefahren. Haufen arroganter Drecksäcke, meiner Meinung nach.

    Gerade in der Online-Branche wirste echt an jeder Ecke gef***t.

  6. Arnd Rüger

    1. April 2014 at 11:53

    Ja, ich war mal Mitarbeiter bei gamigo, aber das ist laaange her und dort war damals noch ein ganz anderes Team in der Verantwortung.

    Ich habe zwar auch im letzten Jahr mal ein kurzes „Erlebnis“ mit denen gehabt, aber das ist eine ganz andere Geschichte… 😉

  7. Pingback: Der Spielejournalist – Teil 12-3 (und wirklich auch der letzte): Best of Wertungsdebatte | plassmag

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